Wer zeichnet wen?

Ein Rausch über den ersten Eindruck, der oft täuscht und darüber, dass die besten Überraschungen in den kleinsten Ecken stecken.

Ich bin gerne zu früh am Flughafen. Auch am vergangenen Sonntag: Ein Städtetrip nach Rom. Am Flughafen kann man wunderbar Menschen beobachten. Sie laufen in verschiedene Richtungen, suchen, finden, reden, streiten, lieben. Ziemlich bald lenkte an diesem Sonntagabend ein Mann meine Aufmerksamkeit auf sich, der in Eile – wie mir schien – in ein Heft zeichnete. Im Vorbeigehen schaute ich über seine Schulter. Ein Skizzenbuch. Darin ein Mensch mit Kopfhörern und einem Laptop auf dem Schoß. Ich folgte dem Blick des Malers und siehe da, es war gar nicht schwer. Da saß ein Mann mit Kopfhörern und einem Laptop auf dem Schoß. Wir richteten uns schräg gegenüber ein.

Er tippte wild, und sein Zeigefinger bewegte sich auf einem roten Böbbel inmitten der Tastatur. Es war so ein Notebook, wie ich es nur von Businessmenschen kenne. Ich erinnere mich genau an einen ehemaligen Kommilitonen während meiner Zeit als Studentin. Er hatte solch einen Laptop. Während ich mit einem alten Aldi-Medion herum krepelte, trug Uli sein rotes-Knopf-Notebook in jede Vorlesung. Uli war mit irgendetwas selbstständig und immer sehr beschäftigt. Ständig klingelte sein BlackBerry, und er hatte es stets eilig. Eine Zeit lang war er mit der Vorsitzenden unseres Studierendenausschusses liiert. Gemeinsam waren sie noch mehr in Eile; ein echtes Business Couple.

Der Mann mit den Kopfhörern bemerkte nicht, dass er beobachtet wurde, und der Maler bemerkte nicht, dass ich sah, was er machte. Er hatte solch ein schönes Ringbuch mit festen Blättern, wie ich sie in einer Papeterie gerne durchblätterte. Aber nie kaufte, weil ich ja Notizbücher bevorzugte.

Auch in Rom schlenderte ich mit meiner Tochter durch Papier-und Buchläden. Ich liebe Buchläden in anderen Städten. Meist mache ich mich auf die Suche, um ein deutsches Buch zu kaufen. Manchmal lese ich es gar nicht,- es geht mir nur darum, hinein zu schreiben: gekauft in Rom, im Februar 2025. Wir wohnten fünf Tage in einer wunderschönen kleinen Wohnung mitten in Trastevere. Ein Viertel jenseits des Tibers, voller alter Wohngebäude und enger Gassen. Unsere Gasse war so schmal, dass der Taxifahrer uns lieber davor absetzte. Er hätte mit dem Auto nicht zwischen den Reihen der Restaurants hindurch gepasst. Vom Fenster aus konnte ich die Menschen in der Gasse beobachten.

Drei Buchläden in unmittelbarer Nähe durchforsteten wir,- keine deutschen Bücher. Alle kleinen Buchhandlungen, die sich zwischen Eisläden und Pizzerias reihten, durchsuchten wir, aber kein deutsches Buch. Ich wunderte mich, hatte ich doch schon in ganz anderen entlegenen Orten der Welt Bücher in deutscher Sprache aufgetrieben.

Für meinen Mann entdeckte ich „Hitze“ von Bill Buford in einer kleinen griechischen Kykladen-Insel-Bibliothek. Darin kam der toskanische Metzger Dario Cecchini vor. Einige Jahre später saßen wir in Cecchinis Restaurant. „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë kaufte ich in einem winzigen Bookshop in Montezuma, Costa Rica.

Unsere Wege führten uns in den Vatikan, durch die Heilige Pforte (nur alle 25 Jahre geöffnet), über die Piazza del Popolo. Am Fuße der Villa Borghese entlang, die spanische Treppe hinunter und am Trevi-Brunnen vorbei. Wir durchschritten das Forum Romanum und staunten im Kolosseum. Wir beteten nicht beim Papst und speisten im alten Schlachterviertel Testaccio. Wir erkundeten das jüdische Viertel, aßen Supplí auf der Piazza Navona und lernten viel über Fresken. Ich hatte die Buchläden auf meiner Karte markiert; manche waren riesig, sie glichen unseren grünen Buchketten aus Deutschland. Aber kein deutsches Buch ließ sich auftreiben.

Und dann, als ich fast aufgegeben hatte: „Mamaaaaa, ein Buchladen!“ Ich wollte eigentlich schon gar nicht mehr hinein, zu enttäuscht war ich mittlerweile. Alte Bögen aus Backstein säumten das Buch-Geschäft. Bis an die Decke stapelten sich die Regale, alles voller Bücher. Es roch nach Papier und ein bisschen modrig. Direkt hinter der Eingangstür saß eine sehr schön Buchhändlerin inmitten von Stapeln aus Büchern. Ich fragte meine Frage. Ihr Gesicht begann zu strahlen, sie stand auf und führte mich zu einer Kiste voller deutscher Bücher. Ich erzählte ihr kurz von meiner Suche. Sie lächelte: „Enjoy!“ Am liebsten hätte ich sie umarmt. Ich ließ ich mich nieder und tauchte ab.

Später am Tag saß ich, mit meinem neuen Buch auf dem Schoß, in einer Bar und beobachtete die Menschen. Eine Frau sprach mit ihren Kindern deutsch, las aber aus einem italienischen Kinderbuch vor. Sie trug einen Ring mit einem roten Stein am kleinen Finger. Aus ihrer Jeans schauten bunt geringelte Socken hervor. Ich musste an den Businessmann denken. Seine Schuhe waren völlig kaputt, dreckig und durchlöchert. Ganz anders, als der Rest seiner Erscheinung. So täuscht man sich manchmal. Der erste Blick passt nicht immer. Hätte ich mich von der Größe des winzigen Buchladens beeindrucken lassen, ich wäre nicht hinein gegangen. Ist der Businessmann vielleicht doch ein Outdoortyp und werde ich gerade gezeichnet?

In diesem Sinne: Schaut euch mal um und bleibt leicht&lebendig, Helen


Open Door Bookshop in Testaccio: opendoorbookshop.it

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