Kreativer Protest

Ein Rausch über einen Freund, der kein Lehrer ist, aber gerne belehrt. Ein Rausch über Lil, die fast den Mut verlor. Und über Protest, der uns alle einen kann.

Meine Krawall-Freundin Edda von Krug lag mit Grippe im Bett. Ich brauchte für meinen Protest-Abend also eine andere Begleitung. Der Protestforscher Tareq Sydiq schreibt in seinem Buch „Die neue Protestkultur“: „Protest erzeugt ein Zusammengehörigkeitsgefühl.“ Tareq forscht am Konfliktzentrum in Marburg. Ich beschloss, mit einem Freund meines Mannes zu gehen. Wir waren selten auf einer Wellenlänge, obwohl wir uns im Grunde oft einig waren. Nur hatten wir dieses Talent, mit Sicherheit aneinander vorbei zu reden. Ich nenne ihn André.

André erklärt

André ist politisch sehr engagiert und gibt im aktuellen Wahlkampf alles. Aber auch sonst teilt er bei jeder sich bietenden Möglichkeit seine Meinung. Sobald jemand im Freundeskreis über eine anstehende Flugreise berichtet, klärt André über ökologischen Fußabdruck und Klimaschutz verlässlich auf. Übrigens auch, wenn André selber mitreist. Da kann einem schon mal die Vorfreude vergehen. Er wird einfach nicht müde, auch den Aufgeklärten noch einmal etwas zu erklären. André ist kein Lehrer. André ist ein richtig guter Freund, aber seine Art zu kommunizieren, geht mir manchmal gehörig auf die Nerven. Schon oft habe ich mich über ihn geärgert, aber vor allem, weil er mir Sachen erklärte, die ich selber wusste.

André überrascht

Ich entschied mich also, mit ihm zur Lesung eines Protestforschers zu gehen. Vielleicht würden wir lernen besser miteinander zu kommunizieren. Aber schon die Absprache gestaltete sich schwierig. Ich verstand seine Begründung, warum er vielleicht zu spät kommen würde, nicht. Wenn wir schon keinen Eintritt zahlen, dann sollten wir doch wenigstens pünktlich sein. Eine Frage des Respektes, dachte ich. Aber André überraschte mich; er war nicht nur sehr pünktlich, sondern kaufte nach der Lesung ein Buch, das er sich auch noch mit roten Wangen vom Autor signieren ließ.

Lil hat einen Plan

Einmal in der Woche gebe ich Kurse im kreativen Schreiben an einer Berliner Oberschule. Mittlerweile stehen die Jugendlichen kurz vor dem Abitur. In dieser Woche kam Lil in den Kurs, ließ sich auf einen Stuhl fallen und sagte: „Ich schmeiße alles hin!“ Ihre Augen wurden rot und es war klar, gleich brechen die Dämme. Ich kenne Lil seit einem Jahr, sie möchte Tierärztin werden und tut alles dafür. Sie ist sehr fleißig, schreibt nur sehr gute Zensuren und hat es jetzt schon verdient, dass dieser Berufswunsch in Erfüllung geht. Sie ist eine von den wenigen, die weiß, was sie nach dem Abitur machen möchte.

Lil ist verzweifelt

Um Tiermedizin studieren zu können, müsse sie in Volleyball eine Eins haben, genauso wie in Kunst und in Musik. „Ich schaffe es einfach nicht, in allen Fächern alles zu können. Es ist zu viel.“ Wieder kämpfte sie mit den Tränen. Und auch die anderen stimmten Lil zu. „Sport soll doch ein Ausgleich sein,“ sagte Josi. „Und Spaß an der Bewegung bringen.“ Was sie lernen, sei sinnlos. Profibasketballerinnen in drei Wochen oder abartig viele Situps, nach denen sie Rückenschmerzen hatten. Dabei machen sie grundsätzlich alle gerne Sport. „So vergrault man Kindern auch die Freude“, sagte ich.

Lil lacht wieder

Mit dem Gedanken an Protest im Hinterkopf schlug ich vor, ein Plakat zu gestalten. Ein Protest-Plakat, wo sie all ihrer Wut Luft machen könnten und den Frust raus lassen. Und für die einzelnen Fächer würden sie kleine Geschichten schreiben, wie ihre jeweils für das Fach optimale Stunde aussehen könnte. Ich nenne das kreativen Protest. Und siehe da, Lil lachte wieder. Wir haben erfolgreich den Zusammenhalt gefördert, und Lil fühlt sich weniger allein mit ihren Problemen.

Vereint mit Protest

„Wer sich mit politisch Gleichgesinnten trifft, stärkt Kontakte für zukünftige Aktionen. Durch regelmäßige Aktivitäten entstehen Freundschaften. Ich stimme dem Forscher zu. „Sogar ein einfacher Lesekreis kann der Anfang für Aktivismus sein“, sagt Tareq bei seiner Lesung. Als André und ich uns auf den Heimweg machen, sind wir uns in allem, worüber sprechen, einig. Das gab es noch nie. Wir haben keine Verständigungsschwierigkeiten, und ich denke daran, dass uns das Thema Protest tatsächlich geeint hat. Genauso wie die Mädels aus meinem Kurs haben wir uns nachhaltig zusammengetan. Gerade jetzt, in dieser irren Zeit, wo alles durcheinander geraten ist und sich das Leben nach Absturz anfühlt, hilft es, sich in gleichgesinnten Gruppen zusammen zu tun. Keiner ist allein. Probiert es aus und bleibt dabei leicht&lebendig.
Helen

Kreativer Protest.

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