Unruhegeist
Ein Rausch über meine innere Unruhe, das Surren und Flirren –
und warum ich das weder negativ empfinde, noch als eine Art Krankheit sehe.
Ich fühle mich wie ständig auf Empfang geschaltet – wie ein Radio auf der Suche nach dem richtigen Sender schwirre ich durch die Gegend. Es rauscht die ganze Zeit, aber der Empfang ist irgendwie gestört. Immer wieder erfasst mich diese nicht definierbare Unruhe. Was ich empfinde ist undeutlich, aber es ist, als würde ich nach etwas suchen, etwas was ich noch nicht kenne.
Diese Unruhe spüre ich seit meiner Kindheit, auch nachts ergreift sie mich manchmal. Dann liege ich wach neben meinem Mann und denke darüber nach, was ich jetzt tun könnte. Manchmal stehe ich auf, schleiche einmal durchs ganze Haus, schaue aus den Fenstern – in der Hoffnung, bei einem Blick nach draußen vielleicht jemanden zu entdecken, der das auch fühlt. Aber in den Häusern gegenüber ist alles dunkel.
Als kleines Mädchen erwischte mich mein Papa öfter beim „Herumgeistern“, wie er es nannte, und schimpfte dann. Ich sollte ja schließlich schlafen. Aber der „Unruhegeist“ in mir suchte stets Befriedigung – auch heute noch.
Ich recherchiere zu diesem Befinden und stoße auf einer Webseite mit dem Namen Psychenet auf Informationen zu möglichen Gründen meines inneren Flirrens. Ganz allgemein beschreibt die innere Unruhe „einen Zustand von innerer Anspannung und Erregung“. Da gehe ich mit. Zum Problem würde das Ganze dann, wenn es mich im Alltag einschränkt oder ich Schlafstörungen bekäme. Auch Angst und Angstzustände können auftreten. Da ich das aber schon seit meiner Kindheit kenne, würde ich sagen, an diesem Punkt bin ich nicht. Ich empfinde mein Flackern eher als positiv, es stimmt mich sogar froh.
Als Gründe für innere Unruhe werden zu viel Kaffee oder Hormonumstellungen aufgeführt. Aber ich trinke eigentlich immer gleich viel Kaffee. Und Hormonumstellungen treten wohl erst in den Wechseljahren auf. Erst kürzlich wurde ich von meiner Gynäkologin gefragt, ob ich noch regelmäßig blute. Ich bejahte das, ich bin ja noch nicht mal 40. Naja, obwohl schon so gut wie. Könnte meine Unruhe vom Konsum oder Entzug verschiedener Drogen kommen? Auch das nicht – außer allen möglichen Winter-Flucht-Vorbeugungs-Vitaminen nehme ich nichts ein.
Ich sprach mit meinen Eltern darüber. Immerhin kennen sie mich am längsten. Meine Neugier könnte ein Grund sein. Ich wollte immer schon alles sehr genau wissen und immer überall dabei sein. Das Wort „rastlos“ fiel. Ich recherchierte weiter und stieß auf mein Sternzeichen: Zwilling. Ich las folgendes: „Zwillinge brauchen ständig neue Herausforderungen und Reize, was zu einer inneren Unruhe führen kann. Diese Rastlosigkeit kann es ihnen schwer machen, sich zu entspannen oder zur Ruhe zu kommen – ebenfalls eine der problematischen Zwilling-Eigenschaften.“
Aber es ist für mich nicht problematisch, möchte ich kommentieren. Ich bin manchmal ein bisschen überdreht und habe den Kopf voller Ideen, aber das ist doch in Ordnung. Es ist schwer etwas zu finden, das meine innere Unruhe als positive Eigenschaft darstellt. Meine Freundin Jule sagte immer: „Heli, mit deiner Energie kann ich nicht mithalten.“ Für mich hingegen war es völlig unverständlich, wie sie an einem Freitagabend – wir waren Studentinnen – zu Hause bleiben konnte. Ich meine, Freitag, FREITAG!
Es gibt allerdings eine ganz besondere Tätigkeit, die den Irrsinn in mir zähmt. Natürlich, Schreiben. Wenn ich schreibe, dann kommt der Unruhegeist zur Ruhe. Alle Gedanken und Verrücktheiten, jegliche Anspannung verschwinden in Worten auf dem weißen Blatt. Dort sortieren sie sich und werden manchmal „gezähmt“. Das heißt nicht, dass ich dort ruhig bin, nur kann ich dann völlig entspannt den Unruhegeist freilassen. Schwierig wird es, wenn ich aus meinen Geschichten wieder auftauche, wenn ich zurück ins wahre Leben muss. Dann fühle ich mich weit offen und sehr fremd in der echten Welt. In meinen Geschichten lebe ich andere Leben, stecke in all meinen Protagonistinnen und lebe und leide mit ihnen.
Wenn ich auftauche, brauche ich oft ganz viel Ruhe um mich herum, muss aufräumen und Zeitungen weg sortieren, alles abwischen und die Haufen von Klamotten beseitigen. Nichts darf herumliegen. Das Chaos im Inneren braucht Ruhe im Äußeren. Aber nur so lange bis mein Unruhegeist erneut beginnt herumzugeistern. Das ist der Moment, in dem ich verstehe, jetzt muss ich schreiben.
In diesem Sinne: Ich gehe die Frequenz suchen, bleibt leicht&lebendig,
Helen