Neustart trifft zurück auf Anfang

Ich vermisse meine Kolumne RauschVonWorten. Ich vermisse meine Leichtigkeit. Ein Rausch darüber, ob und wie es weitergehen könnte. Ein Rausch, (fast) nur für mich.

Ich schwebe in meinem Zwischenraum, habe 24 lyrische Ergüsse zu (m)einem ganz persönlichen Adventskalender gemacht und frage mich nun: Wo ist meine Leichtigkeit?

Meinen Abonnentinnen hatte ich schon im November geschrieben: Vorläufig wird es erstmal keinen RauschVonWorten geben. Ihr könnt euer Abo kündigen oder ruhen lassen. Kaum waren diese Zeilen getippt, begann es in meinem Kopf zu rauschen.

Ich erinnerte mich und staunte, wie offen ich zu Beginn meiner Kolumne war. Wie freizügig ich mit meinen Gedanken umging und alles rausgelassen habe, was in meinem Kopf schwirrte. 
Und jetzt staune ich, wie oft ich denke: Kann ich das so schreiben? Ist das nicht zu krass? Oder: Will ich wirklich so viel von mir preisgeben? Will ich mich so angreifbar machen?

Mein RauschVonWorten war immer ein Blick in mein Innerstes. Ureigene Gedanken, die ich öffentlich mit der Welt teile. Aber ich fühle es nicht mehr, wie es so schön heißt. Ich habe nicht mehr das Bedürfnis, mein Innerstes nach außen zu kehren. Dabei war es doch genau das, was ich so gerne wollte, als ich begann wieder zu schreiben.
Ich stellte mir also die Frage, woran das liegt. Bin ich gescheitert? Bin ich gewachsen? Schreibe ich so viel, dass ich für diesen Rausch keinen Nerv mehr habe? War der Druck Geld zu verdienen zu groß? Meine Kolumne und mein Buch-Manuskript waren miteinander verknüpft. Mit meinem Roman wollte ich diese eine Geschichte erzählen, die schon so lange in meinem Kopf spukt und mit den Kolumnen wollte ich schon mal ein bisschen was raushauen.

Dann kam die Realität dazwischen, und das Manuskript fand keinen Verlag.

Als ich meinen RauschVonWorten vor vier Jahren startete, hatte ich gerade wieder angefangen zu veröffentlichen. Ich habe nicht vom selbstständigen Schreiben gelebt. Ich musste nach einer Krise erstmal lernen, überhaupt wieder zu publizieren, an mich zu glauben und verstehen, dass meine Texte für irgendwen interessant sind.

Ich habe, ohne drüber nachzudenken, alles rausgelassen. Am Anfang gab es keine Rückmeldung, wenig Kritik, kaum Lob. Und das mag komisch klingen, aber das hat mein Schreiben sehr frei gemacht. Jetzt denke ich oft darüber nach, wird das jemandem gefallen, oder ist das kritisch genug? Ist mein Text langweilig? Ist es richtig, meine Gedanken einfach ungefiltert in die Welt zu entlassen? Ich frage mich zu oft: Ist es gut genug, was ich schreibe?

Was passiert: Ich denke zu viel, und die Kreativität geht mir verloren. Ständig überlege ich, ob mein Schreiben einen Sinn hat. Ganz zu Beginn wurde ich einmal gefragt: Was sollen deine Texte deinen Lesenden geben? Eine Freundin fragte: „Was soll ich mitnehmen nach der Lektüre deiner Rausche?“

Ich wusste keine Antwort, dachte aber: Einfach nur drüber reden, und wenn jemand sagt, „das bringt mir nix“, oder „warum schreibt sie darüber?“, reichte mir das. Mit der Zeit wurde ich anspruchsvoller, ich wollte unbedingt „gute“ Texte mit Mehrwert schreiben. Aber etwas ganz Entscheidendes ist mir dabei verloren gegangen: Meine Leichtigkeit.

Stephan Schäfer schrieb in seinem Buch „25 letzte Sommer“: Träume gleiten einem aus den Händen, ohne dass man es merkt. 
Am Ende jedes meiner Rausche schrieb ich: bleibt leicht und lebendig. Ohne dass, ich es merkte, hörte ich im vergangenen Juni damit auf. Ich vergaß meinen letzten so wichtigen Satz, der mir eigentlich so viel bedeutet. Jetzt erst, wo ich über das vergangene Jahr nachdenke, fällt es mir auf. Mein Wunsch, Texte mit Leichtigkeit zu schreiben, ist mir ohne dass ich es gemerkt habe, aus den Händen geglitten.

Mein Buch „Eine Nacht für alles“ wurde von einigen großen Publikumsverlagen abgelehnt, und ich ließ es in der Wolke meines Apfels verschwinden. Ich las noch einmal daraus. Und es gab sogar einige Menschen, die es sofort kaufen wollten – und die mich nicht kannten. Aber ich glaubte ihnen kaum, dass sie den Stoff . Die Leichtigkeit, mit der ich das Manuskript immer bewarb, war weg. Ich glaubte selber nicht mehr an mein Werk.

Ich widmete mich neuen Projekten. Entwarf eine andere Geschichte, schrieb über Bildung und war mit Kindern kreativ. 60 neue Seiten schrieb ich zu einer neuen Roman-Idee. Aber irgendwie fühlte ich mich immer ein bisschen fremd mit damit. Ich glaube, es ist zu schwer für mich – in jeglicher Hinsicht. Jedenfalls aktuell.

Im Februar lese ich wieder aus „Einer Nacht“. Bei einem Abend in Frankfurt am Main erzähle ich von der Geschichte zweier Menschen, die sich zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt wieder treffen. Ich freue mich so sehr, denn manchmal verliert man aus den Augen, was einem guttut, schreibt Stephan Schäfer. Ein Abend voller Leichtigkeit, mit meinem unmoralischen Manuskript voller Widersprüche, wie das Leben selbst.

Mut heißt: von vorn­herein wissen, dass man ge­schlagen ist, und trotz­dem den Kampf – ganz gleich, um was es geht – auf­nehmen und ihn durch­stehen. Man ge­winnt selten, aber zuweilen gelingt es. 

— Harper Lee: Wer die Nachtigall stört

Deswegen habe ich mir für das neue Jahr nur eines vorgenommen: Ich möchte meine Leichtigkeit zurück. Es gibt so viel zu erzählen. Einfach wieder drauf los schreiben, ohne alles vorher zu zerdenken – das ist der Plan. Ich weiß nicht, ob das dann jemand lesen will, aber ich will wieder zurück an den Punkt, wo es mir egal ist. An den Punkt, an dem meine Texte für mich wichtig sind. Und an den Punkt, wo ich mir wieder leicht und lebendig gegenüberstehe.


Helen


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