Puffmais-Orgie
Ein Rausch über meine Liebe zum Kino, die Vorzüge eines 12 Jahre alten Beamers und warum ich mich manchmal nicht traue zu sagen, dass ich deutsche Filme mag.
„Erst wenn der Film anfängt!“ Ich schiebe die Hand meines Mannes weg und stelle die Tüte mit Popcorn auf den Boden zwischen meine Beine. Die Werbung hat noch nicht einmal begonnen, und er will schon das Popcorn schlachten. Überhaupt würde er. alles auffuttern, bevor der Film anfängt.
Mein Mann und ich gehen gerne ins Kino. Schon bevor wir Eltern wurden, waren wir manchmal jede Woche in einem Lichtspielhaus. So ein schönes Wort, nebenbei. Ich wollte es schon immer einmal in einem meiner Texte verwenden.
Wir haben das wirklich große Glück, dass wir dieselben Filme mögen. Wir kennen befreundete Paare, die nur getrennt ins Kino gehen. Also schon zusammen, aber in verschiedene Filme. Hinterher treffen sie sich im Foyer und essen gemeinsam. So sind beide zufrieden mit dem, was sie gesehen haben.
Für mich wäre das undenkbar, habe ich doch nach jedem Film ein unaufhaltsames Mitteilungsbedürfnis. Egal, ob der Film gut oder schlecht war, es muss ein Austausch stattfinden. Außerdem mag ich Händchen halten im Kino.
Andere Paare verbringen ihre Abende mit Kopfhörern auf den Ohren, zwar immerhin zusammen in einem Raum, aber sie schauen jeder einen eigenen Film mit einem eigenen Laptop auf dem Schoß.
Wieder andere verbringen ihre Abende sowieso getrennt voneinander. Eine Hälfte vor der Glotze im Wohnzimmer, die oder der andere zockend im Keller oder im Arbeitszimmer mit Computerspielen.
Mein Mann und ich schauten uns einen deutschen Film an – wie so oft. Ich traue mich manchmal gar nicht das laut zu sagen. Viele, wirklich viele, in meinem Umfeld schwören auf amerikanische Streamingdienste. Deutsche Filme seien zu lahm, und es würde immer dasselbe thematisiert. Aber ehrlich, das ist doch bei den anderen auch nicht anders. Im Grunde gibt es alles schon. Das ist beim Film genauso wie in der Literatur. Auf die Art und Weise kommt es doch an. Ich mag verfilmte Literatur und auch, wenn die Themen unserer eigenen Geschichte vorkommen, finde ich das sehenswert.
Wir beide ziehen sogar den sonntäglichen Tatort/Polizeiruf Netflix&Co. vor. Kürzlich konnten wir den Account eines Freundes mit nutzen. Nach zwei Wochen haben wir kapituliert, wir fanden einfach nichts, was wir hätten schauen wollen. Vielleicht ist für uns aber auch die unfassbar große Auswahl schlichtweg zu viel.
Für den Tatort bauen wir eine Leinwand auf; ein Fernsehgerät haben wir nicht. Und dann holen wir unseren mittlerweile 12 Jahre alten Beamer aus dem Schrank. Er kann nur SD, die Schrift auf einem Handy während des Films wird nicht mehr scharf. Jedes Mal, wenn ich bei meinen Eltern TV glotze, staune ich, wie viele Details ich erkennen kann. Jeden Pickel, jede Hautunreinheit – oder eben die Makeupschichten und unnatürlich glatte Gesichter.
Ich bevorzuge den alten Beamer, er rauscht ein bisschen, ist ziemlich sperrig, aber mit ihm verbinden wir ein Stück unserer eigenen Beziehungsgeschichte. Neben der Kaffeemaschine war der Beamer eines unserer ersten gemeinsamen Anschaffungen. Manches können wir aufgrund des Alters vom Gerät nicht mehr gucken. Sky hat uns schon mal das Abspielen verweigert. Kein SD mehr möglich.
Manchmal schlafen wir beim Tatort ein. Aber das macht nichts. Manchmal schlafe ich danach stundenlang nicht ein. Das macht dann schon was. Dann ging es meistens um Verbrechen mit Kindern. Aber es ist ein Ritual, und wir lieben es beide, wie alte Leute. Wobei, wenn ich an die alten Leute in meinem Umfeld denke,- die gucken eher Netflix.
Wir waren also im Kino: „Der Spitzname“. Deutsch, leicht, angenehm. Die ganze deutsche Schauspielelite war dabei: Iris Berben, Florian David Fitz, Janina Uhse, um nur einige zu nennen. Es war nett, gute Unterhaltung, unser kleines Kino war voll. Schon mein Leben lang gehe ich ins Kino Casablanca in Adlershof. Es ist viel mehr ein großes Wohnzimmer als ein Kino.
Als Teenager war es meiner besten Freundin immer zu klein; sie liebte die riesigen Kinos mit den ausverkauften Sälen, wenn alle zusammen lachten und „oooooohhh“ und „aaaahhhh“ riefen. Wenn immer irgendwo Popcorn raschelte oder Schlürfgeräusche zu hören waren.
Solche vollen Kinos gibt es heute nicht mehr. Ich weiß noch, wie ich mit meinen Eltern alle James Bond Filme zwischen 1995 und 2005 im Kino gesehen habe und es so voll war, dass alle Plätze besetzt waren. Auch bei „Romeo&Julia“ und „Titanic“ war das so. Ja, ich lebte meine Liebe zu Leonardo DiCaprio exzessiv aus. Meine Freundin Tilli und ich gönnten uns einmal die größte Popcorntüte, die es gab. Wir schafften den Eimer nicht und hatten noch Tage später etwas von unserer Puffmais-Orgie.
Mein erster Kinofilm war Bambi. Ich schaute ihn mit Mama und Papa, und wir weinten. Klopfer habe ich nie vergessen. Sobald ich meinen Mund mal zu weit aufmache, was schon ab und zu vorkommt, denke ich an das lustige Kaninchen mit der Zahnlücke: „Wenn man nichts Nettes zu sagen hat, soll man den Mund halten."
Wenn der Gong ertönt und sich der Vorhang öffnet, kann die Vorstellung beginnen. Wenn das Popcorn knuspert und die letzten Handybildschirme erlöschen, dann beginnt der Film. Ich hole unser Popcorn unter dem Sitz hervor, mein Mann öffnet unsere Getränke, ein wohliges Zischen ertönt. Unsere Hände treffen sich im Puffmais und wir blenden das Leben draußen aus.
In diesem Sinne: Bleibt leicht&lebendig und geht mal wieder ins Kino,
Helen