Wir brauchen keine Blumen

Ein (kleiner Wut-) Rausch über Blumen und Glückwünsche zum  8. März und die Frage, warum Männer immer öfter alles auf sich beziehen, wenn es im Grunde um Gleichberechtigung geht. Nach dem Motto: „ICH helfe doch mit.“

Früher war das einfach: Am 8. März, dem Frauentag, da gab es Blumen und Glückwünsche für die Frauen. Egal ob die Mutti, die Klassenlehrerin, die Kollegin. Mit einem Blümchen gehörte Mann schnell zu den Guten. Ich bin froh, dass diese Zeiten vorbei sind. 
Denn was nützt mir ein Blümchen, wenn die genau diese Männer noch immer darüber entscheiden, ob eine weibliche Befruchtung ausgetragen werden darf. 
Was nützen mir Glückwünsche, wenn der Anteil von Expertinnen von Nachrichtenbeiträgen bei schlappen 17% liegt. 
Was nützt mir ein bunter Blumenstrauß, wenn literarische Werke von Frauen immer noch als sogenannte Frauenthemen gelten. 
Vor allem nicht nur dann, wenn es um Menstruation, sondern zum Beispiel auch um eines der essenziellen Themen unserer Gesellschaft geht: Mutterschaft. Das sind Themen für alle Geschlechter. Männer, akzeptiert es und noch viel wichtiger, informiert euch. Oder fragt eine Frau!

Nun passierte mir Folgendes: Ein Mann aus meinem erweiterten Bekanntenkreis schickte mir Glückwünsche zum Frauentag – mit einem Herzchen dazu. Ich war erst einmal ein bisschen perplex, wusste nicht, was ich dazu schreiben sollte. Kurz fragte ich mich, ob er sich vielleicht vertan hat. Ausgerechnet mir wollte er gratulieren? Bin ich nicht genug Feministin, als dass er wissen müsste, ich bin die Falsche für solche Art von Nachrichten. Nach einigen Tagen Überlegung und Rücksprache mit meinem Mann, war ich mir sicher, besagter Glückwünschender ist von der „alten Schule“ und wollte mir einfach nur etwas Gutes tun. Hatte sich wahrlich nichts weiter dabei gedacht.

Sorry, aber da bin ich echt die Falsche. Ich schrieb ihm, dass ich Glückwünsche zu diesem Tag etwas unpassend finde. Dass ich ihm lieber empfehle, sich mehr für Gleichberechtigung von Frauen einzusetzen. Ich habe ihm dann einen Link zu einem schönen kleinen Text weitergeleitet. Darin Hinweise der Autorin Margarete Stokowski für ein gleichberechtigtes Leben.

Einer dieser Tipps lautet wie folgt: „Helfen Sie Ihrer Partnerin nicht im Haushalt: Machen Sie einfach die Hälfte.“

Mein Gesprächspartner bedankte sich artig, schrieb noch, er habe die Liste zweimal gelesen und lobte den Artikel. So weit, so gut. Der Clou kam kurz darauf. Er fragte mich allen Ernstes, wie ich denn im Alltag Gleichberechtigung praktiziere. In derselben Nachricht erklärte er mir dann, dass die Frauenquote in seinem Office ganz gut sei und das Arbeitsklima wertschätzend. Ich fragte ihn nicht danach, ob das eine Frau ihm gegenüber so geäußert hat, ob es sein persönliches Empfinden sei, oder woher er diese Info überhaupt habe. Ich war in erster Linie verwirrt, ein bisschen wütend und musste dann laut lachen, als mir bewusst wurde, was er mich allen Ernstes gefragt hatte.

Meine Antwort fiel erstmal relativ schlicht aus: „ICH BIN EINE FRAU!“

Der Bekannte fragte weiter, wo er als Mann und seine Freunde und Kollegen denn konkret im Alltag ansetzen könnten, um die Gleichberechtigung voranzubringen. Und ich fragte mich, warum ich ihm gerade Margaretes Text geschickt hatte. Aber ich will ja nicht pöbeln. Also nannte ich ihm weitere „Kleinigkeiten“, wie z.B. Frauen nicht nach ihrem Aussehen zu beurteilen, über den Begriff Hysterie aufklären und in Männerrunden nicht darüber lamentieren, dass sie doch schon genug im Haushalt helfen würden.

Seine Reaktion kam prompt und ausführlich. Nun begann er mir zu beschreiben, was er alles im Alltag mache und wie fair bei ihm zu Hause alle Aufgaben verteilt seien. Er erklärte mir ganz genau, wie gleichberechtigt er und seine Frau lebten. Ich meinte aber gar nicht ihn persönlich. Ganz bewusst hatte ich nicht ihn angesprochen, sondern Männerrunden im Allgemeinen. Warum also schrieb er mir das alles? Fühlte er sich persönlich angegriffen oder kritisiert? War er gar ertappt? Ist er einer derjenigen, die abends im Kegelverein sitzen und sagen: „Ich mache schon so viel und immer noch ist meine Frau nicht zufrieden!“

Männer, genau das ist das Problem. Einfach mal machen, nicht helfen. Es ist ganz normal, Dinge zu tun. Es geht nicht ums helfen, sondern darum, eigenständig zu denken. Das ist Gleichberechtigung. Lernt es. Dieser 8. März ist der Tag der Frauen, wir brauchen ihn – mehr denn je. Gewalt gegen Frauen und Altersarmut von Frauen sind Schwerpunktthemen, und Gleichstellung ist wichtig. Wir brauchen keine Blumen, sondern Männer, die sich von feministischen Themen angesprochen fühlen.

In diesem Sinne: Hinter jeder starken Frau steht ein Feminist!

Helen


Quellen zum Nachlesen und Hören:

Saralisa Volm: Das ewige Ungenügend (Ullstein), „Feministiken“ von Inga Blundell & Yvone Hissel (dtv Verlag)
Kirsten Fuchs bei Radio 1
Nicole Seifert im Gespräch mit Joachim Scholl bei Deutschlandfunkkultur
Nicole Seifert in der Zeit
Margarete Stokowski im Spiegel
Klara Keuthen im swr
Doris Knecht in der Zeit
Iris Radisch in der Zeit


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